Gibt es ein Rythmusgefühl?

Nein, gibt es nicht. Aber von vorne. Die Frage beschäftigt mich seit ich angefangen habe Forró-Unterricht zu geben. Ich habe viele Leute gesehen (die Mehrheit), die Probleme damit hatten – gleichzeitig haben sich viele Rhythmus-mäßig aber auch stark entwickelt. Gibt es eine Möglichkeit dieses ‘Gefühl’ greifbarer/trainierbarer zu machen? 

In meinen Stunden habe ich unzählige Rhythmusübungen ausgetestet, viel Feedback gegeben und ausprobieren lassen. Mit mäßigem Erfolg. Ich hätte fast aufgegeben und eingesehen, dass es nicht geht. Erst als ich ein neues DJ Programm auf meinem PC installiert habe, bin ich auf des Rätsels-Lösung gekommen.

Meine Beobachtungen haben schließlich zu einer Methode geführt, die die Rhythmusprobleme ein für alle Mal beendet. Sie funktioniert ausgezeichnet und hilft schneller als alles was ich zuvor probiert habe zusammen.

Warum haben so viele Probleme mit dem Rhythmus?

Den Rhythmus wahrzunehmen ist (vor allem beim Forró) nicht leicht. Meine Beobachtungen zeigen: Je mehr Vorerfahrung (= Definition von Training) die Tänzer(innen) haben, desto besser das Rhythmusgefühl. Es muss dabei nicht unbedingt Forró sein: Wenn Tänzer(innen) sich in der Schnupperstunde leicht tun, haben sie normalerweise entweder einen Tanz- oder einen Musikhintergrund. Sie haben das Rhythmusgefühl selten bewusst trainiert, sondern es eher nebenbei entwickelt. Bei mir war es genauso: Irgendwann konnte ich einfach im Rhythmus tanzen, ohne erklären zu können warum. Daher wohl auch der Begriff ‘Gefühl’ – es war irgendwann einfach da. Das macht es schwer es anderen greifbar zu vermitteln. 

Mehr noch: Der Begriff führt in die Irre und ist sogar lern-schädlich. Ein Gefühl kann man nicht trainieren – man hat es oder man hat es nicht. Die gute Nachricht ist aber: Rhythmusgefühl ist kein Gefühl!

Es gibt kein Rhythmusgefühl!!!

Was aber ist es wenn kein Gefühl? Um selbst besser zu werden (oder anderen zu helfen), ist das Verständnis von Rhythmus wichtig. Das was beim Tanzen als ‘Rhythmusgefühl’ bezeichnet wird, besteht aus drei (trainierbaren) Komponenten:

1. Rhythmisierungs-Fähigkeit: Nach meiner Erfahrung liegt hier selten das Problem. Jeder Mensch ist dazu fähig zu rhythmisieren. Die Atmung, der Herzschlag, Gehen/Laufen, Schlafen, uvm. sind Alltagsbeispiele dafür. Je ungleichmäßiger (oder schneller/langsamer) ein Rhythmus, desto mehr Training ist erforderlich. Aber: Auch rhythmisches ‘Gehen’ mussten wir als Kleinkind erst hart erlernen. 

2. Auditive Wahrnehmung: Das Problem ist in der Regel vielmehr: Rhythmus-Patienten hören es einfach nicht. Beziehungsweise die Crux ist sie versuchen verzweifelt etwas zu hören, von dem sie gar nicht genau wissen auf was sie achten müssen. Das führt sogar dazu, dass sie glauben sie sind untalentiert (angeboren) – und wenn das Gehirn etwas glaubt wird es erst recht schwer.

Es geht darum zu wissen auf was man achten muss

Diese Erkenntnis hatte ich als ich mir ein neues DJ Programm installiert habe. Das tolle an diesem Programm ist, es erkennt wie viele Schläge ein Lied pro Minute hat. Der Computer erkennt den Rhythmus der Musik. Wie macht er das? Er hat rein analytisch-logische Mittel zur Verfügung und definitiv keine Gefühle. Es bleibt ihm lediglich die Audiospur. Und da weiß er genau auf was er achten muss:

Der starke Beat sichtbar gemacht

In regelmäßigen Abständen gibt es einen erhöhten (und verdichteten) Ausschlag. Das stimmt nicht zu 100% und ist auch nicht immer genau gleich, aber über das ganze Lied im Durchschnitt passt das. Deshalb ist es empfehlenswert nicht sofort mit Schritten zu starten, sondern erstmal auf der Stelle zu ‘schunkeln’ und mehr Informationen zu sammeln. Die Ausschläge sind nämlich nichts anderes als der starke Beat. Wieso kann man den Beat in der Audiospur sehen? 

Die Erklärung dafür ist ganz einfach: Jedes Musikstück ist in Takte eingeteilt, damit die verschiedenen Instrumente sich orientieren können. Immer zum Taktbeginn, werden die Töne und Schläge besonders betont. Ohne diese Betonung wäre ein Zusammenspiel der verschiedenen Instrumente vollkommen unmöglich. Die einzelnen Musiker würden untereinander die Orientierung verlieren. Das geniale ist, daran halten sich alle (durchschnittlich), nicht nur die Rhythmusinstrumente. Oft hört man den starken Beat bei den Sängern/Sängerinnen sogar am klarsten. Lied-Beispiele dafür sind “Fabrica de Sonhos” (Orquestra do Fuba) und “Cheira bem” (Luso Baiao). Wer in diesen Lieder verkrampft auf die Zabumba achtet, wird Probleme haben den Rhythmus zu entdecken.

Ein weiteres Detail macht uns das Leben schwer: Im ganzen Lied ist es im Intro am schwierigsten den starken Beat zu hören. Das ist besonders unpraktisch für uns Tänzer, da fast jedes Lied mit einem Intro beginnt. Meist spielen hier nur ein bis zwei Instrumente gleichzeitig, was dazu führt, dass die Musiker weniger deutlich kommunizieren müssen. Warum aber sollten wir einen Beat vertanzen, der nicht dominant ist? Sollen wir nicht. Im Intro ist es empfehlenswert die Umarmung zu genießen, und andere Elemente der Musik zu vertanzen, beispielsweise Melodie und Harmonie.

Der Endgegner

3. Die Kopplungsfähigkeit: Wenn meinen Schülern das klar ist, funktionieren nach ein bisschen Üben zwei Dinge auf jeden Fall:
1. Der Grundschritt ohne Musik (man selbst, oder der Lehrer zählt)
2. Das Gehen im Beat der Musik (bei jedem starken Beat wird ein Schritt gemacht; wirkt wie Zeitlupe)

Danach ist die Hürde die Kopplung der beiden Fertigkeiten: den Grundschritt im Beat der Musik machen. Zwei verschiedene (neue) Tätigkeiten (Rhythmisieren + Hören) gleichzeitig auszuführen ist eine Herausforderung für das Gehirn. Hier gibt es jetzt jedoch keine Abkürzung mehr. Jetzt heißt es üben, üben, üben. Da die Schwierigkeiten jetzt aber bekannt sind, ist das viel motivierender. Wichtig ist nicht nur die Kopplung zu trainieren, sondern immer mit dem Grundschritt ohne Musik und dem Gehen im Beat der Musik anzufangen. Die Kopplung funktioniert nur, wenn diese beiden Fertigkeiten isoliert sitzen.

Schließlich ist noch wichtig zu wissen, wo im Grundschritt der starke Beat eingebaut wird. Beim Forró ist das nämlich nicht auf den ‘ersten Schritt nach vorne’, sondern auf den ‘dritten’ (betonten/langen). Die beiden anderen Schritte werden dann im passenden Abstand so eingebaut, dass der nächste ‘dritte Schritt’ wieder auf dem starken Beat ist. Einen anderen verlässlichen Anhaltspunkt als den starken Beat gibt es nämlich nicht. Wem dieser letzte Teil jetzt auf die Kürze zu kompliziert ist, erfährt die Hintergründe dazu demnächst in dem Artikel “Wie tanzt man den Grundschritt musikalisch?”.

Fazit

“Wie sollte man diese Fertigkeit denn dann nennen wenn nicht ‘Rhythmusgefühl’?”, wirst Du Dich fragen. Vielleicht wäre es ein Anfang, die drei genannten Komponenten zu trennen. Lesen und Schreiben werden ja schließlich auch nicht als ‘Buchstabengefühl’ bezeichnet.

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