Fábio Reis: “Liebe Veränderungen!”

Fábio Reis (37) hat den Forró in Europa in den letzten Jahren geprägt wie kaum ein anderer. Er kommt aus São Paulo (Brasilien) und wohnt im Moment in Mannheim. Auf seinen ersten Forró-Partys um die Jahrtausendwende, machte er als schüchterner Jugendlicher keinen einzigen Tanz: Er traute sich einfach nicht. 

Dennoch wurde er aber im Anschluss schnell zum Forró-Suchti und hat sich zu unserem Glück in die Tätigkeit als Forró-Botschafter/Tanzlehrer verliebt. Heute gibt er in Stuttgart (Dança Bonito), Tübingen (TüBe Forró) und Karlsruhe (Forró in Karlsruhe) Forró Unterricht, sowie im Moment auch Online Klassen! Jetzt war er bei uns im Forró-Verhör zu Gast und hat aus dem Nähkästchen geplaudert.

"Das Lustigste, das mir je passiert ist!"

Fábio’s Tanzstil hat jedoch nicht gleich überall für Begeisterung gesorgt, erfahren wir auf die Frage, ‘was ist das Lustigste, dass dir im Forró passiert ist?’: “Daiara [ebenfalls eine Forró-Botschafterin] war auf dem Festival in Stuttgart als Lehrerin zu Gast und ich wollte da auch hin. Ich habe sie gebeten, ‘bitte zeig Terra [dem Veranstalter] mal mein Video, damit er mich einlädt!’ Terra sah das Video und antwortete ihr: ‘Ich möchte nicht, dass dieses Forró [das Fábio tanzt] hierher kommt.’ Mehrere Jahre danach war ich in Aachen und habe Terra kennengelernt. Als es die Möglichkeit gab, dass ich in Europa leben würde, hat er mich eingeladen nach Stuttgart zu ziehen. Er ist verantwortlich dafür, dass ich hier lebe. Terra ist heute ein guter Freund, wie ein Bruder für mich und eine Art europäischer Forró-Papa. Aber am Anfang hat er gesagt, ‘das Forró, dass Du tanzt will ich hier nicht!’

Forró Electronico

Aber was war das denn für ein Forró, dass er da getanzt hat? Fabio war lange Zeit beim Gesellschaftstanz und entdeckte schließlich den Forró Electronico. Ihm gefiel, dass es dort viele Bewegungen gibt, die sich leicht musikalisch vertanzen lassen und die Musikalität einen hohen Stellenwert inne hat. Das ist ihm damals wie heute extrem wichtig: Ohne Musik gibt es keinen Tanz, und deshalb muss alles was in der Musik vorkommt, auch in einer Weise beim Tanzen vorkommen.” Aber es gibt Gründe dafür, dass Forró Electronico in Europa kaum getanzt wird: Die Art des Tanzes ist deutlich wilder und hat je nach Stil/Tänzer oft etwas provokant-machohaftes. Das gilt auch für die Texte, die leider oft (nicht immer) frauenfeindliche Ansichten beinhalten (Quelle: da Silva, 2012)

Schließlich drehte er seinen Tanzstil auf links und verliebte sich neu in den Forró Universitário. Er lernte mehr von den Stilen wie Itaúnas oder Pé Descalço und in Europa angekommen war er von der Vermischung der Stile begeistert.

Vom brasilianischen Meister zum Kultur-Übersetzer

Anders als in Europa, gibt es in Brasilien auch im Forró Wettkämpfe. Bei diesen Wettkämpfen räumte Fábio jeweils zwei erste Plätze als bester Tänzer und als Tanzlehrer ab. Dennoch gefällt ihm Forró ohne Wettkämpfe mittlerweile besser: “Der Fokus der Veranstaltungen liegt dadurch viel mehr auf dem Sozialen. Heutzutage gefällt mir dieses Soziale viel mehr als Choreografien, Videos aufzunehmen und Show zu machen. Mir gefällt es besser sich mit den Leuten auszutauschen und den Fokus auf das Tanzen und auf das Glücklichsein zu lenken.” Wettkämpfe sind seiner Meinung nach nicht generell schlecht und können das Niveau heben. Die Atmosphäre beim Forró ist in der Tanzwelt jedoch einzigartig – und das ist etwas, dass es seiner Meinung nach zu bewahren gilt. 

In Europa sieht er seine Rolle auch als Kultur-Übersetzer:  Er möchte mit Forró die Lebensqualität seiner Tänzer(innen) verbessern indem er die brasilianische Perspektive verständlich macht. Diese Übersetzung funktioniert nicht ausschließlich mit Schritten und Figuren. “Um diese Kultur des Forró zu zeigen braucht es mehr.” Zwei Standpfeiler in seinem Unterricht sind die Umarmung und die Musik. Aspekte, in denen die Brasilianer den Europäern ein gutes Stück voraus sind. Er will seine Tänzer*innen so gut es geht auf die Universalität des Forró vorbereiten, wofür in seinen Stunden viel an diesen tiefsten Grundlagen gearbeitet wird. Wenn er ihm einen Namen geben müsste, würde er seinen Stil “Estilo Gostosinho” (übersetzt von Fabio als ‘Lecker-Style’) nennen. Er möchte aber “nicht in eine Schublade gesteckt” werden und ist “offen für verschiedene Sprachen des Forró”. Das spiegelt sich auch in seinem Lebensmotto wieder: “Liebe Veränderungen!” Deshalb kommt alles was er cool findet in seinen Werkzeugkoffer. Fabio glaubt deshalb, dass er in ein paar Jahren  wieder ganz anders tanzt.

 

Im Forró kann man der sein, der man ist!

Man sieht ihn trotzdem nicht ununterbrochen auf der Tanzfläche, denn wenn man nur tanzt lernt man die Menschen nicht kennen. Das ist ihm als Neuling in Deutschland besonders wichtig, um einerseits Anschluss zu finden und zu verstehen, wie seine Tänzer*innen sich auf der Tanzfläche bewegen. Man muss auch nicht ununterbrochen tanzen: “Im Forró kann man der sein, der man ist!” Man muss sich nicht an einen Bewegungsstil anpassen wie beim Tango oder Salsa. Forró ist für alle, das gilt sowohl für die getragene Kleidung als auch für die Art der Personengruppen. Einzig der Respekt untereinander ist nicht verhandelbar. Für den Fall, dass trotzdem Unbehagen oder Schmerzen entstehen, empfiehlt er: “Es ist normal und sollte normal sein, das offen aber freundlich anzusprechen.”

"Ich höre nie auf mich mit Forró zu beschäftigen."

Auf die Frage was sein tänzerisches Erfolgsrezept, ist meint Fábio: “Jeden Tag üben, oder fast jeden. Es muss nicht immer lang sein, aber es hilft wenn man jeden Tag mit der Musik und seinem Körper in Kontakt kommt!” Man sollte mit verschiedenen Leuten von verschiedenen Erfahrungsleveln tanzen und auch gerne mal alleine. Wenn man als Leader an einer schwierigeren Figur arbeitet, sollte man versuchen sie “so oft wie möglich zu wiederholen, bevor man sie mit jemand Unbekanntem tanzt, damit es nicht unangenehm für meine*n Tanzpartner*in wird”. “Ich würde eine Figur wie Repique nie nur einmal in einem Workshop machen und dann sofort auf der Party versuchen!” Dort geht es nicht darum besser zu werden, sondern ausschließlich darum ZUSAMMEN Spaß zu haben. “Weiterentwickeln will ich mich im Training!”

Weiterentwickeln muss sich auch die Szene, vor allem da sie in den letzten Jahren rasant gewachsen ist. Dafür nimmt er alle Forrozeir@s in die Pflicht: “Wir brauchen die Hilfe aller um Forró-Veranstaltungen weiterhin zu willkommen-heißenden Events zu machen. Alle (nicht nur die Professoren) sollten versuchen ein schönes Ambiente zu kreieren. Vor allem die Tänzer*innen der Mittelstufe, oder Fortgeschrittenen-Kurse vergessen oft, dass sie Anfänger waren und tanzen nur mit den Leuten die sie kennen und von denen sie wissen, dass sie gut tanzen.” Auch gegenüber den Musikern hat er einen Wunsch: “Verbindet Euch mehr mit den Professoren. […] Man darf beim Forró Musik und Tanz nicht trennen!” Das gilt gleichermaßen auch für die Forró-Botschafter, die oft nur Schritte und Bewegungen unterrichten, und das vergessen, was er als Essenz des Forrós bezeichnet (z.B. Musik und Umarmung).

 

Fábio, was ist Forró für Dich?

“Forró ist für mich Veränderung, Entwicklung und Meditation, nur dass es eine Meditation für zwei ist. Schön anzuhören, anzuschauen und zu tanzen (Zitat aus ‘Não ha nada igual ao Forró’ – Bicho de Pé). Forró ist nichts zu Essen, aber es nährt mich (Zitat aus ‘Eu Gosto Desse Assunto’ – Trio Dona Zefa). Der Forró ist die Möglichkeit selbst als Neuling auf eine Party zu gehen, zu tanzen ohne große Vorkenntnisse zu haben und neue Leute kennen zu lernen. Forró ist quasi barrierefrei. Ich habe viele andere Tänze gelernt und ich habe keinen Tanz gefunden, bei dem das genau so zutrifft wie beim Forró.”

Vielen Dank Fabio Reis für das Gespräch und für Deine tolle Arbeit für Forró in Deutschland und der Welt. Wir schließen mit Fábio’s zweitem Lebensmotto: “Não há nada igual ao Forró!” (Es gibt nichts das mit Forró vergleichbar ist!).

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