Wer war eigentlich Luiz Gonzaga?

Mit 14 Jahren kündigt er seinen Job (eine Schule hat er nie besucht), kauft sich von seinem Geld sein erstes, eigenes Akkordeon und entscheidet sich dazu, professioneller Akkordeonspieler zu werden. Seine Mutter ist davon wenig begeistert. Wegen ihr hatte er oft heimlich in der Akkordeonwerkstatt seines Vaters, Januário, geübt. Exzessiv, wie man sagt. Nach nur drei Jahren und einigen lokalen Auftritten später endet seine jugendliche Karriere aber bereits wieder. Der Grund dafür: Nazarena.

Der Vater seiner Jugendliebe verbietet die Beziehung der beiden. Der rebellische Luiz will das nicht einsehen und sorgt damit bei beiden Familien für reichlich Ärger. Mit 17 Jahren läuft er aus diesem Grund von Zuhause weg. Er verkauft sein geliebtes Akkordeon und geht zum Militär. 

In dieser Zeit reist er mit den anderen Soldaten durch Brasilien und lernt viel über die populäre brasilianische Musik. Es dauert jedoch Jahre bis er wieder an ein Akkordeon kommt. Mit 24 Jahren kauft er sich schließlich eines mit 48 Bässen. Da er aus seiner Heimat im Nordosten nur 8 Bassknöpfe (= Basstöne) gewohnt ist, nimmt er erstmal Unterricht. Dass er eines Tages einer der bekanntesten Musiker Brasiliens werden würde, kann man zu diesem Zeitpunkt keineswegs ahnen.

Der Abend, der alles ändert...

Nach 9 Jahren ist für Luiz Schluss bei der Armee (die Legende besagt, er habe nicht einen einzigen Schuss abgefeuert). Mit einem neuen, größeren Akkordeon bewaffnet und einem Ticket für die Schiffsreise in seine Heimat kommt er nach Rio de Janeiro. Während er auf sein Schiff wartet, entdeckt er das Mangue, ein hektisch-belebtes Kneipenviertel. Um sich etwas dazu zu verdienen spielt Luiz dort populäre brasilianische Musik, hat damit aber nur mäßigen Erfolg. Bis ihn eines Abends eine Gruppe von Studenten darum bittet, etwas aus seiner Heimat vorzuspielen. 

Luiz weist die Bitte zunächst zurück, er hat lange nichts Derartiges gespielt. Er vergisst es jedoch nicht und ein paar Tage darauf spielt er das erste Mal seit langem Musik aus seiner Kindheit. Gleich zu Beginn spielt er “Vira e mexe” (siehe unten im Video – später, mit Text, wurde daraus “Xamego”) und die Bar ist sofort außer Rand und Band. Dieser Abend ist der Wendepunkt: Von nun an will sich Luiz auf Musik aus seiner Heimat konzentrieren. 

Singen ist verboten!

Dank den ersten Erfolgen findet Luiz nun eine Anstellung beim Radio. Musik aus der Heimat ist jedoch nicht erwünscht, geschweige denn Gesang. Zu stark war den Radiochefs Luiz’s nordöstlicher Dialekt. Seine ersten Platten (Anfang der 40er Jahre) sind deshalb instrumental. In den Bars beginnt Luiz dennoch zu singen. Er setzt sich durch: 1945 wird seine erste Platte mit Akkordeon und Gesang veröffentlicht (darauf: die Mazurca “Dança Mariquinha”). Der Erfolg bleibt jedoch aus. 

Das änderte sich erst als Luiz den Anwalt Humberto Teixeira trifft. Bereits bei ihrem ersten Treffen beginnen sie den Xote “No meu pé de serra” (siehe Video unten links) zu schreiben. Mit dem Stück “Baião” (siehe Video unten rechts) komponieren sie Tanzmusik und schaffen damit den Durchbruch. Auch wenn Luiz weiterhin mit anderen Künstlern und Produzenten zusammenarbeitet, mit Humberto Teixeira funktioniert es am besten. Mit ihm landet er später auch seinen größten Hit.

Nicht der Erfinder und doch ein Genie

Der Baião existierte im Nordosten schon lang vor Luiz Gonzaga. Er ist es jedoch, der ihn genauer definiert und tauglich für die breite Bevölkerung macht. Ab ca. 1946 nimmt Luiz ein Instrument in sein Ensemble auf, das später vom Forró (und dessen Subgenres) nicht mehr wegzudenken sein sollte: die Zabumba. Bald darauf folgt die Triangel. Das Trio ist ökonomisch und akkustisch ausbalanciert (tiefe, mittlere & hohe Klänge). Außerdem sind Triangel und Zabumba eine Weiterentwicklung des bis dahin genutzten Tamburins. Sie machen die Musik ‘tanzbarer’. Auch seinen optischen Auftritt entwickelt Luiz weiter: Seine Mutter schickt ihm einen Cangaceiro-Hut (cangaceiro = Bandit). Dieser wird zu seinem Markenzeichen und erinnert die Zuhörer von nun an auch optisch an den Nordosten. 

Luiz Gonzaga macht den Baião als Musikgenre in ganz Brasilien bekannt und findet schnell Nachahmer. Schon bald wird er von den Medien als König des Baião tituliert. Doch ist der Baião nicht das einzige Genre, das Luiz etabliert: Auf jeder Platte nennt er unter dem Songtitel das Genre. Luiz kategorisiert seine Songs unter anderem in Xote, Xaxado, Forró, Coco, Arrasta-Pé und natürlich Baião. Eine Toada wird jedoch zu seinem bekanntesten Werk: “Asa Branca”. Dabei findet Luiz den Song zunächst zu langsam und zu melancholisch. Humberto Teixeira, der am Text mitwirkt, überzeugt ihn vom Klassiker-Potenzial. Tatsächlich ist es die Melancholie, die das brasilianische Volk, insbesondere den Nordosten, erobert. Sie wird zur Hymne des Nordostens. 

Das Erbe von Luiz Gonzaga

Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre ist Luiz Gonzagas Karriere auf dem Höhepunkt. Danach kommt ein Kulturumschwung und mit ihm der Bossa Nova. Auf das gesunkene Interesse hin kündigt er 1967 sogar seinen Rückzug an (“Hora do Adeus”) . Es dauert aber nicht lange, dann feiert sein Comeback. In den 80er Jahren erfährt seine Popularität dann nochmal einen großen Aufschwung. Er produziert bis zu seinem Tot im Alter von 76 Jahren insgesamt 627 Lieder auf 266 Platten. Nur wenige Jahre nach seinem Ableben beginnt die Welle des Forró Universitários in den brasilianischen Universitäten. Das Erbe dieser Legende aus dem kleinen Ort Exu im Nordosten Brasiliens lebt somit weiter. Gegenwärtig ist es wahrscheinlich sogar so groß wie noch nie.

Ohne Luiz Gonzaga, den König des Baião, gäbe es vermutlich heute kein Forró, zumindest nicht in so weiten Teilen der Welt, und nicht so wie wir es kennen. Er hat den Forró nicht erfunden, aber er hat ihm eine Form gegeben und ihn Brasilien (und der Welt) gezeigt. Viva Luiz!

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