Zwischen ‘For All’, ‘For 2G’ & ‘for nobody’

Es ist frisch geworden und dunkel. Spätherbst eben. Nichtsdestotrotz stehen wir noch vor der Tür unserer Tanz-Location. Wie eigentlich immer nach unseren wöchentlichen Treffen. Es ist schwer loszulassen von den Leuten, mit denen man diese süchtig-machenden Ausflüge in die Forró-Welt teilt. Dieses Mal fällt es mir jedoch besonders schwer, und das liegt nicht etwa daran, dass ich wegen meines Alpen-Wanderurlaubes für zwei Wochen nicht zum Forró kommen würde.

Viel mehr liegt es an der traurigen Stimme eines Kurs-Teilnehmers. Eine Stimme, die mich berührt und von der ich Euch gerne erzählen möchte. Eine Stimme, die diesem Abend niemand mehr aus der Forró-Gruppe gehört hat. Und die mir trotzdem nicht aus dem Kopf geht.

Nicht unser Problem - oder doch?

Die Person, die zu dieser Stimme gehört, ist nicht geimpft. Für viele hört das Mitleid an genau dieser Stelle auf. “Es ist seine eigene Entscheidung! Ungeimpfte sind nicht nur hauptverantwortlich dafür, dass die Pandemie nach wie vor nicht unter Kontrolle ist, sie sind auch dumm, weil sie sich selbst schaden und damit selbst Schuld!” – so zumindest eine Meinung, auf die ich regelmäßig stoße. Und was ist meine Meinung?

Ich glaube die Impfung ist ein Teil des besten Weges, den wir bisher gefunden haben um als Gesellschaft mit der Pandemie umzugehen und mich konnte noch niemand vom Gegenteil überzeugen. Darum geht es hier aber nicht. Seit diesem Forró-Abend Ende Oktober hat sich Einiges geändert.

Ich selbst habe das was sich geändert hat nur aus der Ferne betrachtet, weil auch ich seit diesem Abend nicht mehr bei einem Forró-Treffen war. Und das war so nicht vorherzusehen, weil ich bin geimpft und lasse nur sehr ungern Forró-Termine sausen. 

Schon während der ganzen Pandemie war ich vorsichtig gewesen, weil ich im selben Haus wie meine 89-jährige Oma wohne, sie mir sehr wichtig ist und ich mich häufig um sie kümmere. Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, der mir ein flaues, unangenehmes Gefühl im Magen bereitete.

Freiwilliger Forró-Verzicht?!?

Haben wir nicht alle damit geprahlt, dass beim Forró alle Menschen willkommen sind? Die Legende am Leben gehalten: Forró kommt von ‘For All’? Ich kann mich an mehrere Blinde, an eine Veranstaltung in Osnabrück für Gehörlose, an eine Altersspanne von 18-80 Jahren in den Kursen, an Menschen in Rollstühlen, an unzählig verschiedene Sprachen, Religionen und an alle erdenklichen Kulturen im Kontext mit Forró-Events erinnern. Ich kann mich auch daran erinnern, dass uns trotz der ganzen Unterschiede viele Sachen verbunden haben.

Stand jetzt gibt es das erste Mal seitdem ich Forró miterleben darf eine Gruppe, die nicht mehr willkommen ist. Eine Gruppe, die sich diese Entscheidung sicher nicht leicht gemacht hat. Das bereitet mir Bauchschmerzen. Und Kopfzerbrechen: Kann es überhaupt eine ‘faire’ Regelung geben?

Die Komplexität der medizinischen, aber vor allem auch der Gesellschaftlichen Lage macht es uns auf jeden Fall nicht leicht. Anfangs war ich der Meinung: “Besser ‘nur 2G’ als keiner!” 

Aber hm. Mittlerweile tendiere ich zu ‘keiner’. Wenn man die vielen Ansteckungen beim Festival in Münster betrachtet, liege ich damit vielleicht auch aus pandemischer Sicht gar nicht so falsch. Warum machen wir nicht einfach eine Art Winterpause wie im Fußball? Und im Sommer tanzen wir dann wieder bis die Tanzböden nachgeben. Dann wären sowohl das Ausschluss-Problem, als auch das pandemische Risiko mehr oder weniger unter Kontrolle.

Und wenn kein Forró keine Lösung ist?

Ok – ich sehe das nicht kommen und womöglich ist das pandemische Problem durch diese Veranstaltungen ja doch geringer als ich vermute. Das würde meiner Meinung nach für eine Vertretbarkeit der 2G+ Regelung sprechen. Weil solange die pandemische Situation und das Risiko der Ansteckung nicht verschärft werden finde ich es tatsächlich, dass es besser ist wenn wenigstens ein Teil (2G+) tanzen kann. Nur: Auf einem 2G+ Forró-Event merkt man es der Stimmung nicht an, dass ein Teil fehlt. Die Gefahr besteht darin, dass wir müde werden offen miteinander zu reden, zu argumentieren, wirklich versuchen zu verstehen, unsere eigenen Meinungen zu überprüfen. Und dadurch den absenten Teil der Forró-Menschen einfach vergessen. Können wir gemeinsam versuchen, das zu verhindern? Können wir gemeinsam versuchen (gemeinsame) Lösungen zu finden?
Eine Pandemie ist per Definition ein gesellschaftliches Phänomen. Das heißt Empathie, Kommunikation & Zusammenhalt sind so wichtig wie nie. Darin sind wir Forrozeir@s eigentlich gut. Ich weiß nicht ob es eine ‘faire’ Regelung geben kann, aber egal was wir unternehmen, wir sollten es uns gemeinsam überlegen.

Gemeinsam > ein kleiner Forró-Philosoph

Gemeinsam ist das Stichwort. Ich bin nur ein kleiner Forró-Philosoph mit einem Problem und auf der Suche nach Alternativen, Meinungen & Vorschlägen (gerne in die Kommentare). Ich halte nur solange an meiner Meinung fest, wie mich niemand mit besseren Argumenten von einer anderen überzeugen kann. Wenn das jemand tut, logge ich mich wieder ein und ändere diesen Artikel.

Bis dahin – Philip.

 

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